Ohne Titel

sonst wird noch was erwartet

Essstörung und Muttersein

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Nachdem ich gerade wieder eine schlechte Phase habe, die sich auf dem bessernden Weg befindet, mache ich jetzt etwas, das ich schon lange gerne tun würde: ich schreibe darüber.
Ich mache das vor allem, weil es mir gut tut und hilft. Vielleicht interessiert es sogar den ein oder anderen, oder man nimmt etwas mit, das würde mich auch freuen – ist aber nicht mein Beweggrund.

Zum Hintergrund

Wie der Titel schon sagt habe ich eine Essstörung. Inzwischen bin ich fast genau mein halbes Leben dabei mein Essen zu kontrollieren. Meine erste Diät hab ich mit 13 angefangen und “beendet” mit 18. Da hatte ich dann ein Gewicht mit dem ich mich wirklich richtig gut gefühlt habe. Ab dann ging die Zeit los, in der ich zwar nicht mehr abnehmen wollte, jedoch immer stark mein Gewicht im Blick hatte und dieses hielt. Ich gönnte mir auch gerne was, hab dafür aber auch am nächsten Tag kürzer getreten.
Eine klassisches Verhalten wie übrigens ein Großteil der Frauen lebt bei denen ich aufgewachsen bin/die meiner Familie angehören/die mal mit Gewicht gekämpft haben und mir bekannt sind.
Dieses Verhältnis zu Essen hielt ich etwa bis ins 2. Semester der Uni, dann fing die Magerzeit an. Heißt konkret: Immer mehr Sport und Bewegung, immer weniger Essen und krankhaftes Abnehmen. Am “Ende” brachte ich gerade mal noch 30 Kilo auf die Waage. Ich hatte kaum noch Energie um das Haus in irgend einer Weise zu verlassen (Meine Nachbarin rettete mich damals durch Erledigungen) und bekam Depressionen durch die ich dann das Essen wieder anfing – es war eh egal. Hat mich quasi vor dem verhungern gerettet, dafür hatte ich Selbstmordgedanken, also auch nicht ganz das wahre.
In dieser Zeit futterte ich mich binnen kürzester Zeit auf fast 70 Kilo hoch, kam dann endlich in Therapie, nahm Antidepressiva und wurde nach und nach wieder zu einem lebensfähigen Menschen dank meiner Mutter, die sich in dieser Zeit um mich gekümmert hatte. Ich wollte es erst ambulant versuchen und dank der Gewichtszunahme durfte ich die Institutsambulanz auch wieder verlassen. (“Wären Sie hier mit ihren 30 Kilo aufgetaucht hätte ich Sie zur Not mit Polizeihilfe da behalten”)
Das zusätzliche Gewicht wurde nach “Ende” der Depressionen natürlich zu einem großen Problem. Ich versuchte nun nicht zu diäten und langsam, aber stetig durch gesunde, möglichst normale Ernährung das Gewicht zu regulieren. Mit mässigem Erfolg der Normalität, aber mehr als versuchen kann ich nicht.

Aktueller Stand

Mein Alltag heute wird immer noch stark vom Essen dominiert. Nicht immer gleich viel und an manchen Tagen fühle ich mich sogar fast Normal, an Anderen wie verflucht.
Die ersten Gedanken fangen oft schon noch im Bett nach dem aufwachen an, sollte ich da bereits Hunger haben. Normalerweise bin ich nicht der Frühstücksmensch, aber wenn ich am Tag zuvor wenig gegessen hab, während der Schwangerschaft und auch jetzt beim Stillen kann das durchaus passieren. Soweit normal – Hunger und Gedanken ans Essen sind jetzt keine ungewöhnliche Kombi. Das Problem ist die Art der Gedanken.

“Hm es ist erst 8, wenn ich jetzt etwas Esse, dann hab ich früh wieder Hunger. Aber dann hab ich heute ja schon was gegessen und bis zum richtigen Essen ist dann noch ne Weile, dann hab ich schon den Großteil meines Essen gegessen bevor gekocht wird. Ausserdem weiss ich noch nicht was es gibt, wenns was leichtes ist könnte man ja doch frühstücken, aber vielleicht gibts was schweres und dann kannst du das nicht essen, weil du ja schon so viel hattest” usw

Sobald es um das Thema Essen geht, kann ich nicht mehr entspannt denken. Sofort feuert mein Gehirn manigfaltige Gedanken dieser Art und lässt mich anspannen. Ich verfalle in einen Stresszustand der stark an die Vorstufe einer Panikattacke erinnert und versuche parallel mich zu beruhigen und die Situation zu managen in der ich mich gerade befinde.
Dabei ist das auch höchst unterschiedlich wann und worüber die Person gerade in dem Punkt reden will. Obst & Gemüse, leichte Dinge und Kuchenrezepte sind kein Problem (letzteres nur, weil ich die Bäckerin bin und ich daher entscheiden kann, wann das gemacht wird/ich dazu in der Lage bin/ich es schaffe das nicht zu essen, wenn ich nicht will). Sobald es um herzhafteres geht, steigt mein Puls. Je reichhaltiger, desto stärker.
Allgemeines darüber reden geht noch halbwegs.
Das Gefühl zu bekommen, dasjenige will es mit mir essen -> beginnende Panik.
Unterwegs Richtung essen -> Mehr als Salat bekomm ich jetzt definitiv nicht mehr runter.
Letzteres ist fast schon wieder “egal” wenn man mit mir essen geht, denn darauf läuft es letztlich eh hinaus. Warum? Weil Speisekarten das oft auch auslösen können und bei mir ein Optimierungsprogramm für Essen dauerhaft durchrennt. Kriterien? Sättigung möglichst hoch und Gehalt möglichst gering.

Sobald ich etwas Esse, oder es auch nur in Erwägung ziehe, wird abgewogen. Über das, was ich schon gegessen habe, über das was ich vorhabe zu Essen und über das was ich möglicherweise heute vielleicht noch Essen will und möglichst immer noch eine Reserve falls ich noch Hunger bekomme.
Dabei zähle ich meist nicht bewusst Kalorien. Das habe ich gemacht als ich mich wirklich runtergehungert habe. Aber aus dieser Zeit blieb ein recht gutes Gespür für diese Zahlen und ihrer Relation in meiner Gesammtbilanz, die weiterhin da ist.
So kommt es, dass ich morgens nicht essen kann, weil ich später ja noch etwas essen werde. Mich später damit manchmal schwer tue wenn ich noch nicht weiss was für den Abend geplant ist, mehr als die minimale Sättigung zu mir zu nehmen. Darum esse ich dann gerne doch noch einen Salat(nebst dessen, dass ich es geschmacklich tatsächlich liebe und drauf abfahre) – der macht satt mit wenig Gehalt.
Abends ist dann eine ganz eigene Geschichte. Zu allererst hängt es ganz stark davon ab, was es gibt. Je leichter das Essen, desto besser. Wenn ich Gehalt gut einschätzen kann auch noch ganz okay.
Richtig problematisch: Alles in der Kategorie Rahm, fettig, stark überbacken, Knabberzeug und solche Dinge eben gehen bei mir so gut wie gar nicht. Da bin ich so stark damit beschäftigt meine Panik einzudämmen und meine Optimierungsgedanken abzufedern, dass von Appetit und Hunger nicht viel übrig bleibt.
Was ist noch Problematisch? Soziales Essen. Es gibt fast nur eine Variante in der ich sozial Essen kann: Alle sitzen am Tisch und essen zusammen. Achja, ich dabei natürlich mit der kleinsten/leichtesten Portion.
Salat hat beim Essen gehen auch den Vorteil, dass die Leute mir nur selten auf den Teller schaun und sagen “das sieht aber auch lecker aus, was genau hast du?” – was eine Thematisierung meines Essens beim Essen ist und nur bei Salat nicht zu einem weiteren Panikanfall führt.
Alles was ausserhalb dessen liegt geht nur an wirklich guten Tagen, wenn ich mich bei der betreffenden Person wirklich sicher (und nicht beobachtet!!) fühle oder bei eben Salat, Gemüse und so Zeug.

Das Leben hier in der WG stellt mich oft vor Herausforderungen und manchmal geht das trotzdem gut. Dann habe ich wieder so Phasen wie jetzt und es treibt mich an den Rand der Verzweiflung.
Gerade wenn ich schlechte Zeiten habe, bin ich hypersensibel für diese Dinge, kann meine Gedanken nicht kontrollieren und nage lange an den entsprechenden Situationen. Ich schaffe es dann nichtmal mehr mir etwas in der Küche zu Essen zu holen, sobald jemand drin ist. Da sieht ja jemand, dass ich etwas esse, könnte es werten, wie auch immer. Ich kann nichtmal 100 pro sagen, was in diesem Moment in mir vor sich geht, aber ich habe eine irrationale Angst, Stress und mein Kopf fühlt sich viel zu schwer an.
Aber bringen lassen geht auch nicht, da fühle ich mich als hätte ich aufgegeben. Aber ich will nicht aufgeben, sondern kämpfen um etwas zu ändern. Leider heißt das oft viel Tränen, depressionsähnliche Zustände, herumhungern und viele Selbstvorwürfe.

In einer schlechten Phase hilft mir alles was funktioniert.
In der Küche einen Joghurt geholt und gegessen.
Hunger haben, sich eine Portion nehmen und essen (Größe der Portion ist irrelevant).
Lust auf einen Apfel und diesen essen.
Solche Dinge eben.

Alles was nicht funktioniert macht den Moment noch schlimmer, das Loch tiefer.
Jemand spricht mich auf den Joghurt an und ich bekomme Panik.
Ich werde beim Essen unterbrochen. Es schmeckt nicht.
Jemand möchte Aufmerksamkeit von mir, während ich in der Selbstberuhigungs- oder Entschluss-zum-Essen -Phase bin.
Während dem Essen entscheidet mein Hirn, dass es doch nicht okay ist und mir wird schlecht.

In guten Phasen versuche ich bewusst mich in schwere Situationen zu bringen. Je öfter ich sie meistere, desto weniger werden sie ein Problem. In normalen Zeiten vermeide ich diese Situationen eher, aber sie versetzen mich nicht gleich in Panik. Ich kann sie ruhig verlassen und später Essen. In schlechten Zeiten sitze ich weinend da, mir ist alles zu viel und  ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass mein Kopf aufhört. Ich möchte einfach nur Essen wie jeder.
Wenn ich Hunger habe etwas zu mir nehmen bis ich satt bin. Das wonach mir gerade ist. Ich möchte über Essen in Dingen wie Lust, Geschmack und solchen Kriterien denken. Nicht über dessen Gehalt, wer noch da ist, Perfektion, meinen Körper, was ich am Tag zuvor gegessen habe(das wird nämlich auch noch abgeglichen – viel weniger = schlecht, etwas weniger = gut, etwas mehr = kompliziert, viel mehr = no way), warum ich mir eigentlich grad all diese Gedanken mache, ob ich nicht vielleicht aber nachher noch gerne einen Müsliriegel hätte – weil da hatte ich jetzt länger Lust drauf und von der bisherigen Bilanz würds ja gehn. (Ich hab das Spiel seit einer Woche mit einem Schokopudding. Soviel dazu, ob ich ihn dann wirklich esse).
Zu “etwas mehr als Gestern ist kompliziert”: Da spielen 2 Interessen in meinem Hirn gegeneinander. Der gestörte Teil möchte nichts lieber als jeden Tag noch etwas weniger oder maximal gleich viel zu Essen. Letzteres schüttet dann nicht Belohnungshormone aus, aber ist ertragbar. Der Teil des Hirns der diesen Scheiß beenden will, möchte in jedem Fall über die Bilanz des Vortages kommen, sollte diese niedrig gewesen sein, gerade damit der gestörte Teil nicht wieder die Oberhand gewinnt.
Ja, es ist genau so anstrengend, wie es sich anhört.

Das wirklich blöde an der Geschichte ist: Es frisst Energie. Massig. Es ist nicht so, dass ich mich in Ruhe hinsetze und darüber sinniere. Das passiert alles nebenbei, während ich versuche einen Alltag zu leben. Ich unterhalte mich mit jemanden und überlege dabei ob ich einen Joghurt essen kann. Ich stille meine Kleine und mache mir Vorwürfe, dass ich zu wenig gegessen habe. Ich laufe einfach eine Straße entlang, rieche eine Bäckerei und habe sofort einen Gedankenstrohm über Essen, warum ich mir jetzt kein Brötchen hole obwohl ich Lust hätte, wann ich eigentlich zum letzten Mal einfach ein Brötchen gekauft hab weil ich Lust hatte, warum ich das grad nicht kann, warum ich mir grad überhaupt diese Gedanken mache, bla und so weiter und sofort.

Es ist sehr.. vereinnahmend.  Es passiert oft in den schlechtesten Momenten – nämlich in so ziemlich allen. Ein Teil meiner Hirnleistung geht fast stetig dafür drauf wenn es mir nicht so gut geht und das lässt manchmal mehr und manchmal weniger Raum für Anderes.

Und jetzt bin ich Mutter geworden. Es ist eine weitere Motivation im Kampf gegen diese Hirnstrukturen, die sich so in mir eingebrannt haben. Es ist eine Herausforderung. Es passiert, dass ich gerade an einem Punkt bin an dem ich essen kann und sie dann schreit. Sie lässt mir auch nicht die Wahl, ob ich die Energie noch habe oder nicht, sie möchte versorgt werden. Und ich habe natürlich auch Angst. Dass sie das von mir mit bekommt und sich vielleicht etwas abschaut. Dass auch sie ein gestörtes Verhältnis zu Essen bekommt.

Ich weiss, dass ich nie wieder gänzlich unbefangen sein werde, damit kann und muss ich leben. Aber ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sie das niemals durchmachen muss.

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